Corontäne 40: Ereignislos

So aktiv wir gestern waren, so lungerig sind wir heute. Hanne joggt früh am morgen, dann trifft sie sich mit ihrer Freundin für einige Stunden im Grünen.

Wir anderen spielen, gucken fern, räumen ein bisschen auf, machen uns zwischendurch gemeinsam essen. Ella räumt in ihrem neuen Zimmer noch ein bisschen um und schafft weiter Ordnung. Ich beschließe, nachdem ich mit dieser Idee einige Tage verbracht habe, mir ein neues Laptop zuzulegen. Meines läuft unter normalen Bedingungen noch ganz zuverlässig, aber bei der digitalen Lehre stößt es irgendwann an seine Grenzen und pustet und prustet und gibt schließlich auf. Sehr unerfreulich, wenn man grade mitten in einer Videokonferenz steckt. Ein weiterer Vorteil eines weiteren Endgerätes ist, dass Ellie, die als einzige kein Laptop hat – warum auch, sie ist 10! – dann ihre Schularbeiten dann machen kann, wann sie möchte, und nicht immer warten muss, bis jemand ihr ein Gerät zur Verfügung stellen kann, denn mittlerweile soll sie vieles als Text abtippen und auf den Schulserver hochladen. Die Rückmeldung vieler Eltern an die Lehrer, dass es in vielen Haushalten keinen Drucker gibt und man von den vielen Arbeitsblättern absehen möge, hat sich nun in das andere Extrem umgeschlagen.

Ab kommender Woche, irgendwann, je nach Lieferzeiten, können wir dann gepflegt alle gleichzeitig tippen.

Corontäne 39: Zimmertausch

Samstag! Es ist mittelwarm und etwas bedeckt, perfekte Voraussetzungen für den Vorgarten, den wir heute ausmisten möchten. Der Ahorn muss gehen, ziemlich viel anderes auch. Danach sähen die Mädchen Blumenmischungen und wässern kräftig durch. Wir werden sehen, ob es etwas wird. Letztes Jahr habe ich mit meinem Sonnenblumenplan keinen großen Erfolg erzielt, daher halte ich mich dieses Jahr beim Pflanzen raus.

Wir essen zu Mittag, dann geht’s nach oben. Das Gästezimmer wird Ellas Schlafzimmer, Das Fernsehzimmer wird Ellas zweites Zimmer, das ehemalige Ella-Zimmer wird das Gäste-/Fernsehzimmer. Logisch soweit.

Als das erste Zimmer leer ist, saugt Ellie den elefantenmittelgrauen Teppich, den Hanne sich beim Einzug ausgesucht hatte.

Wir räumen aus und schleppen und sortieren aus und werfen weg und finden neue Plätze für Dinge und packen alle mit an.

Dann finden wir Schimmel.

Unter der Fußleiste ist keiner, daher hoffen wir mal, wir haben ihn rechtzeitig gefunden und können mit Wärme, Lüften, Leben und Desinfektionsspray dagegen ankämpfen. Das Gästezimmer war praktisch den gesamten Winter kalt und leer. Nach dem Desinfektionsspray wischt Christoph alles ab, wir lüften und fühlen und werden beobachten.

Am Abend sind wir alle platt, aber Ellie ist furchtbar glücklich und freut sich auf’s Schlafengehen, und das ist die Hauptsache. Es gibt Pizza und Veronica Mars, und wir sind uns einig, dass es sich heute nach diesem Tag wirklich nach einem Wochenend-Abend anfühlt.

Corona 37: Holunderblüte

Schon Donnerstag. Der Vormittag vergeht mit Joggen, Lernen für die Mädchen, Kaffee, Arbeit.

Danach sind wir nur noch im Garten, liegen schier endlos in der Sonne unter Ellies Holunerbaum, weil da die Sonne am längsten bleibt. Nach und nach entzwiebeln wir uns, so warm ist es geworden.

Wir reden, verfolgen die torkelnden Hummeln mit den Augen, trinken ein Bier und Bionade und essen schließlich auf der Terrasse gemeinsam zu Abend.

Das fühlt sich ein bisschen an wie Ferien.

Corontäne 36: Planungsänderung

Wir müssen nach den Osterferien die Struktur unseres Tagesablaufs nochmal neu anpassen, denn ich arbeite fast jeden Vormittag voll durch und habe nur kurz Pause zwischen den Videokonferenzen. Ich merke, dass trotz aller Vorteile – ich hab mich seit Wochen gefühlt nicht mehr richtig angezogen – die digitale Arbeit für mich stressiger ist als gedacht, und ich habe keinen Heimweg mehr, auf dem ich radelnd meine Gedanken sortieren und den Arbeitstag für’s Erste abhaken kann, bevor ich zur Mutter werde.

Nun ist das anders. Sobald ich die Tür vom Arbeitszimmer aufmache, bin ich theoretisch direkt ansprechbar, und auch wenn sich die Mädchen nicht vor meiner Tür knubbeln und gebannt darauf warten, dass ich endlich mal zu ihnen stoße, haben sie verständlicherweise Fragen, Wünsche, Anliegen oder wollen etwas erzählen oder müssen etwas ausdrucken, was in der Zwischenzeit über den Schulserver angekommen ist, oder brauchen den Scanner. Aber egal, was in der Küche als neuem Schulzimmer auch läuft: es ist immer schöner für das kleine Mädchen, wenn jemand Ansprechbares da ist, sollte ich über Stunden zoomen. Verständlich.

Hanne bietet an, ab jetzt montags und mittwochs nach dem Joggen heimzukommen, anstatt sich mit ihrer +1 zu Schulaufgaben zusammenzusetzen. An den anderen Tagen fährt Christoph etwas später ins Büro oder macht vormittags Homeoffice, oder ich habe Kurse mit etwas mehr Lücke dazwischen, so dass ich ansprechbarer bin. Ella betont, dass sie natürlich auch für einige Stunden für sich sein kann, und auch das hilft bei der Planung.

Die Absprache in der Familie ging schnell und unkompliziert: weltbest! Heute kommt Hanne heim, Christoph ist im Büro und ich zoome auf Teufelkommraus.

Am Nachmittag sind wir alle mit unseren Aufgaben fertig. Ich genieße es, den Laptop schwungvoll runterzuklappen.

Oma schickt wiederverwertbare Mund-Nase-Masken, denn ab kommender Woche müssen sie in Supermärkten und im öffentlichen Nahverkehr getragen werden – tausend Dank dafür!

Wir sind noch etwas im Garten, ich gratuliere meinem einige Zeitzonen entfernten Bruder zum Geburtstag, dann kommt Christoph heim, Hanne erntet Salat und wir schnibbeln gemeinsam Tomaten für’s Abendbrot.

Nachdem wir Malcolm in the Middle fertiggeguckt haben, brauchen wir nun eine neue Familienserie, und das wird natürlich Veronica Mars!

Corontäne 35: Ausgeflogen

Es ist Dienstag, und die ersten Aufgaben und Projekte für die Mädchen kommen über den Schulserver an. Seit gestern der Unterricht wieder angefangen hat, läuft Hanne jeden Tag um 8 um die Promenade und fängt um 9 mit den Schulaufgaben an, heute mit ihrer +1.

Christoph hat viel zu tun und ist im Büro, ich in meinem Arbeitszimmer in einer Videokonferenz nach der nächsten und dazwischen immer wieder in der Küche um zu gucken, wie Ellie vorankommt und ob sie irgendwelche Fragen hat oder etwas ausgedruckt haben muss.

Ich habe Post-Its an meine Tür geklebt, auf denen steht, wann ich in Zoom bin, so dass die Mädchen wissen, wann ich wirklich beschäftigt bin und zB grade niemand den Drucker benutzen kann, der hier neben mir steht. Ellie kommt gut voran, macht danach Pause mit der Sendung mit der Maus und packt ein Picknick zusammen. Sie hat sich gestern direkt mit ihrer Freundin verabredet hat und radelt los, bevor ich mit meiner Arbeit fertig bin.

Ich bin am Nachmittag für 2 Stunden alleine zu Hause, höre podcasts über Kopfhörer, pröddele herum, zoome noch kurz mit einem Freund aus Liverpool, bereite Blätterteig-Sesam-Würstchen-Rollen vor (und für die Vegetarierin Blätterteig-Sesam-Käse-Rollen)

und finde den seit Tagen verschollenen Haustürschlüssel vom großen Kind wieder.

Dann kommen beide Mädchen heim. Hanne wollte Linedancing ausprobieren, also schmeißen wir ein Youtube-Tutorial an, lernen 2 Tänze und hüpfen in Linien durchs Wohnzimmer.

Später spielt Christoph Online-Poker mit seinen Jungs.

Corontäne 34: Neubaugebiet

Montag, und kaum jemanden interessiert es, dass die Osterferien nun vorbei sind. Wie vorauszusehen gibt es auf dem Schulserver außer „wir Lehrer besprechen, wie es denn nun weitergeht, Aufgaben bekommt Ihr ab Dienstag oder Mittwoch“-Mails und Durchhalteparolen keine Neuigkeiten. Es macht schon Sinn, dass in Deutschland alle von HomeSchooling sprechen und niemand es wagt diesen Unterricht Distanzlernen zu nennen, denn genau so ist es: es bleibt am Zuhause hängen, ob etwas gemacht wird, was gemacht wird, wie es gemacht wird.

Nun ja, der Weltbeste muss ins Büro, meine Lehre startet heute ebenfalls – von nun an werde ich jeden Tag mehrere Stunden in Zoom verbringen – und das große Mädchen geht joggen und kommt kurz nach Mittag heim.

Ella hat Bastelleim, Rasierschaum und Lebensmittelfarbe zu Schleim verrührt, aber so richtig gelingt es nicht: viel zu nass, das Zeug. Vielleicht hilft es, wenn es etwas in der Sonne steht. Wir gehen mit 2 Picknickdecken raus.

Ella rührt, ich hab unbändigen Rätselspaß dank der Gratiszeitung.

Die Herstellung der Knetseife war definitiv erfolgreicher. Wir finden, dass der Schleim noch etwas ruhen sollte, der Garten für heute genug von uns gesehen hat und beschließen uns ein Eis zu holen, die Picknickdecke mitzunehmen und ins Neubaugebiet zu radeln, in das Ellies Freundin vor kurzem gezogen ist.

Eigentlich wollten wir uns das neue Haus schon vor Wochen angucken, aber da das jetzt nicht möglich ist, fahren wir wenigstens mal den Weg ab, damit Ellie bald mal alleine hinradeln kann. Später, wenn man wieder darf. Hanne kommt mit, weil: Eis.

Und wer hätte das gedacht, wir treffen auf dem Feld vor dem Neubaugebiet tatsächlich auf die Mutter von Ellies Freundin, die grade mit der kleinen Schwester Runde auf dem Rad dreht. Wir sind beide der Meinung, dass sich die Mädchen ruhig mal sozial distanziert treffen können und lassen die beiden direkt per whatsapp ein Treffen für morgen vereinbaren: Ella hat eine +1!

Corontäne 33: Babyfaust

Heute spielen wir viel Playstation mit der VR-Brille, malen mit Kreide vor die Einfahrt,

sind im Garten,

haben Zoom-Meetings mit Menschen im In- und Ausland, spielen Kubb

und im Gewächshaus macht uns der Fortschritt froh.

Der Kohlrabi ist schon so groß wie eine Babyfaust, verkündet Hanne.

Am Abend gucken wir Malcolm in the Middle fertig.

PS: Warum der Kubb-König auf einem nackten Stück Erde steht? Darum.

Corontäne 31: Arbeitstag

Einunddreißig, unfassbar.

Hanne hat Ellie gefragt, ob sie sie beim morgendlichen Joggen um die Promenade begleiten mag, und Ellie wollte so gerne, aber gerne auf dem Rad, denn die anderen beiden joggen jetzt schon seit Wochen und sind gut in Form. So zogen heute beide Mädchen gemeinsam los. Nach etwas über einer Stunde kamen die beiden erstmal zurück, packten Picknickdecke und Badmintonschläger und Gummibärchen ohne tierische Gelatine und Geld für Eis ein und verschwanden wieder, um sich in sicherem Abstand mit Hannes +1 zu treffen.

Letztendlich blieben sie, immer schön sozial distanziert auf 2-Meter entfernten Decken mit Hannes +1-Person, bis 18 Uhr (Ellie) und halb 8 (Hanne) weg. Außer Haus. Unterwegs. Sind mit glücklichen, verschmutzten Gesichtern, kalten Händen und Füßen wieder nach Hause gekommen.

Daher gibt es kein Foto, denn der Weltbeste und ich nutzten den Tag gut: man hörte nichts außer dem Pröddeln der Kaffeemaschine, dem Klackern der Tastaturen und dem triumphierenden Abhaken von Dingen auf der Arbeits-to-do-Liste.

Corontäne 28: Fischgräte

Mir fällt die Decke auf den Kopf. Es ist Jammern auf hohem Niveau, ich weiß, aber ich fühle mich unproduktiv und lungerig und quengelig. Mir fehlt die alltägliche und unkomplizierte soziale Interaktion mit anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht. Mein Job lebt davon, mit Menschen zu sprechen.

Gleichzeitig habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich mich echt nicht beschweren darf: ich kann mit den liebsten Menschen zu Hause bleiben (und mit wem sonst würde ich das überhaupt aushalten?), in einem Haus, das genügend Zimmer hat, damit jeder auch mal für sich sein kann. Mit Garten, mit Internet, mit Netflix, mit großen Kindern, die sich sogar mögen, mit wenig finanziellen Sorgen, denn irgendwie wird das schon alles klappen.

Trotzdem war ich nörgelig und tat mir selber sehr leid. Keine gute Kombination. Bevor das die gesamte Stimmung im Haus vergiftet, habe ich mir Tape und den Rest der gelben Farbe geholt und mit den Mädchen in meinem Arbeitszimmer gewerkelt. Hanne hatte heute aus Gründen kein Joggen, daher traf sich das gut. Sie half beim Bekleben, Ellie beim Streichen.

Bis zum Nachmittag waren wir fertig.

Davor steht jetzt noch meine graue Couch, und ich war eine Weile sehr glücklich damit. Dann haben Ellie und Christoph mich darauf hingewiesen, dass es aussähe, als wäre ein ziemlich gigantischer Traktor mit gelber Farbe unter dem Reifen meine Wand hochgefahren. Das kann ich jetzt natürlich nie wieder ungesehen machen, aber trotzdem mag ich es.

Corontäne 27: Ostermontag

In diesem Jahr ist alles ein bisschen anders, daher versteckt das jüngste Kind die Ostereier, die in Hannes Geburtstagpaket von den Großeltern geschickt wurden (danke an dieser Stelle!), und wir anderen durften suchen.

Den hellgrünen Nuss-Osterhasen ereilte ein schlimmes Schicksal: er fiel aus dem Baum und musste daher aus humanen Gründen schnell von seinem Elend erlöst werden.