Heimkehr

Gestern haben meine Eltern die Mädchen heimgebracht, viel früher als vorhergesehen. Sehnsucht und Heimweh haben sich über Tage angestaut, wurden größer und mächtiger und waren schließlich so umfassend, dass es nicht mehr ging. Die anstehende Reise zum anderen Großelternpaar haben wir daher erstmal auf unbestimmte Zeit nach hinten geschoben, damit beide Mädchen richtig lange zu Hause sein können. Wenn sie dann noch mal nach S wollen, dann geht das gerne – wenn nicht, dann geht das auch. Alles entspannt, sind ja Ferien.

Hanne hat kein Interesse daran, Freunde zu treffen oder zu kontaktieren. Sie pröddelt in aller Ruhe und Zufriedenheit vor sich hin. Sie liest viel, schläft unglaublich lange, malt

und backt, natürlich mit Zitronengeschmack. Freundlicherweise hat sie sich auch bereiterklärt, die Tiefkühltruhe abzutauen, das muss dringend gemacht werden und war mein Plan für heute (ja, ich habe Hochtrabenes vor! Jeden Tag irgendwas, auf das ich eigentlich keine Lust habe. Normalerweise wären das jetzt Papierkram und Schreibtischdinge, aber das mache ich lieber ohne die Mädchen, weil die Schreibtischdinge mir üblicherweise eine so schlechte Laune verpassen, dass es der Stimmung im Haus nicht gut tut.).

Zwischendurch schmiedet Hanne Pläne, wie ihr Zimmer noch schöner werden kann. In erster Linie bedeutet das, dass sie mehr Platz für all ihre Bücher braucht. Aber auch die Wand hinter ihrem Bett will sie angehen. Christoph und ich sind mit all ihren Entscheidungen einverstanden, es ist ihr Zimmer, sie kann da machen, was sie mag. Ein erster Aufbruch von Kind zu Teenie lässt sich da erahnen, auch wenn sie vehement von sich weist, dass sie schon einer ist. Sie hat auch einen guten Grund: In Filmen und Büchern streiten sich Teenies immer so sehr mit ihren Eltern, darauf hat sie gar keine Lust.

Ella hat sich gleich mit Mona verabredet und tobt mit ihr zwischen den Regenschauern durch den Garten.

Die Spielverabredung wird zu einer Übernachtungsverabredung und die beiden Kleinen verschwinden bald nach dem Abendbrot in Ellas Zimmer. Ich kuschele mich mit dem großen Mädchen auf einer Couch zusammen. Der Liebste muss leider lange arbeiten. Wir gucken „Das fünfte Element“ und ich denke daran, wie entspannt dieser Abend im Vergleich zum 08.08.2015 verläuft.

Beseelt von so viel Heimeligkeit kamen bei Hanne und mir in diesen stillen, gedämpften Minuten nach Zähneputzen und Zudecken und vor dem Verabschieden für die Nacht, damit das große Kind in Ruhe schlafen kann (oder lesen…) die Sprache auf mein Mittelalter. Kurzfristig fühlte ich mich etwas angegriffen, wie dumm, denn das Kind hat natürlich recht: ich bin „so mittelalt“. Der Liebste wird dieses Jahr 40, und es geht uns beiden sehr gut mit unserem Alter. Auch Hanne findet unser Mittelalter erstrebenswert. Sie ist gerne 11, aber in dem Mittelalter-Lebensabschnitt zu sein wie Papa und Mama, das scheint ihr grade auch sehr gut: man hat einerseits selbst Kinder, andererseits aber auch noch die eigenen Eltern. Und besser geht’s ja wohl nicht.

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