Sich sehr glücklich schätzen dürfen

Ich wecke Ellie, dann Hanne. Sie hat den Schnee auf ihrem Balkon angefasst: verräterische Spuren.

Ach, Mensch, Weiberfastnacht. Das ist wirklich deprimierend. Der Auftakt des Straßenkarnevals, und natürlich darf man sich nicht treffen, logisch, und schunkeln, gemeinsam singen, beieinanderstehen geht auch nicht, aber ich darf es schade finden.

Normalerweise bin ich donnerstags mit den anderen Exilrheinländerinnen in der einzigen Münsteraner Kneipe mit kölscher Musik, aber so bleibt uns nur, uns per whatsapp gegenseitig zu versichern, dass es nächstes Jahr wieder so sein wird. Bitte.

Ich hab am Vormittag wenige Videokonferenzen und bin die einzige mit karnevalistischem Zoom-Hintergrund. Die Kölner schicken Bilder von kleinen Accessoirs, die sie heute auf der Arbeit anziehen oder dabeihaben – Ringelsocken, blinkende Dom-Broschen oder Glitzer im Gesicht.

Nach meiner Videokonferenz kann ich mir ohne schlechtes Gewissen die Liveshow aus der Arena auf den zweiten Bildschirm ziehen.

Hanne kommt in ihrer Freistunde dazu und guckt ein bisschen mit. Am Nachmittag gehe ich mit Ellie einkaufen, wir brauchen noch ein paar Grundnahrungsmittel und irgendwie dann doch etwas Kölsch und Berliner und …. naja, ohne geht’s dann irgendwie doch nicht.

Am Abend hab ich zwar einen Elternabend (und muss Ellie versprechen, den Hintergrund auf jeden Fall zu ändern, ich lerne den neuen Klassenlehrer kennen…), aber wenn ich vorher mit den Menschen in diesem Haus anstoße, ist das auch kein Beinbruch. Ich verspreche Hanne, dass sie Kölsch probieren darf, aber leider gibt es im Supermarkt um die Ecke überhaupt kein Kölsch mehr – keine einzige Flasche. Ich habe den Verdacht, dass sie es ganz aus dem Sortiment genommen haben, hätte ich mal über’s Jahr verteilt mehr gekauft! Berliner gab’s immerhin.

Kurz vor 6 meint Christoph, dass er den Elternabend für mich übernimmt, denn ich hätte schon was anderes vor: ich bekomme Zugangsdaten von ihm, logge mich in einem spatial chat ein und treffe auf so liebe, liebe, liebe Freunde. Einige, die ich seit Jahren nicht gesehen habe, andere mit denen ich sozial distanziert seit Corona nicht mehr zusammen sein konnte. Zwei ganz frische Babies werden in die Kamera gehalten. Christoph läuft kurzerhand zum anderen Supermarkt und holt mir Kölsch: er kauft vorsorglich alle Flaschen, die er findet. 11. (Hanne findet es wie zu erwarten widerlich.)

Sogar Karnevalsmusik hat die liebste Fastnachbarin für den Abend an den Start gebracht, hat alle eingeladen und alles geheim gehalten.

Wir sitzen zusammen, quatschen, stoßen virtuell an und spielen bis fast Mitternacht einige Runde skribbl.io.

Ich danke Euch allen, das war wunderbar. Ihr seid absolute Weltmacht!

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